Krieg im Kopf

Ich habe seit zwei Jahren eine Duldung. Aber Duldung, was heißt das?
Duldung heißt Krieg im Kopf, sonst nichts. Angst und Wut. Menschen werden wütend gemacht mit der Duldung. Jedes Mal, wenn die Gedanken in den Kopf kommen, wenn jemand fragt, wieso bist du hier, werde ich wütend. Manchmal werde ich so wütend, dass mein Blut kocht. Eigentlich habe ich immer die gleiche Frage: Wieso überhaupt gibt es die Duldung? Was meinen die Behörden mit Duldung? Mit einer Duldung wird alles schlimmer, das ist nichts Gutes.
Mit einer Duldung kann man nicht lernen und immer wieder verletzt sie das Herz. Man kann nicht gut arbeiten, wenn auf der Arbeit der Gedanke an die Duldung kommt, passieren Unfälle. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich Angst bekomme.
Wenn ich doch irgendwann sowieso eine Aufenthaltserlaubnis bekomme, warum nicht am Anfang? Wenn ich eine Aufenthaltserlaubnis hätte, könnte ich mit ganzem Herzen etwas für meine Zukunft machen, ich würde noch lieber arbeiten gehen, noch lieber lernen.
In meinem Kopf ist Krieg, wie kann mein Psychotherapeut mir da helfen? Er kann den Krieg nicht beenden. Weil der Krieg bleibt auf dem Papier, egal wie sehr ich mich anstrenge, egal wieviel Mühe sich mein Therapeut gibt. Meine Gesundheit geht kaputt mit diesen vielen Gedanken jeden Tag in meinem Kopf. An wen soll ich mich wenden? Jeden Tag kommen die gleichen Fragen. Wen soll ich fragen? Was soll ich noch machen?
Schöne Zeiten werden wertlos, denn sie erscheinen ungültig. Denn laut Papier darf ich gar nicht hier sein. Daran verbrennt mein Herz. Ich habe auch ein Herz wie andere Menschen. Ich kann mit meiner Duldung meine Familie nicht suchen, ich kann nichts machen, ich kann nirgendwo hin. Ich kann nichts klären. Bei mir ist nichts geklärt.
Ich habe keine Krankenkassen-Karte. Wenn ich zum Arzt gehen will, muss ich zum Sozialamt. Wenn ich zu einer Party gehe, schäme ich mich wie ein Hund, wenn ich mein Papier zeigen muss.  Keiner fragt uns, wie wir mit der Duldung leben. Sogar ein Tier hat hier einen Pass. Ich darf nicht hier sein, ich kann nicht zurück. Ich fühle mich nicht wie ein Mensch mit diesem Papier. Habe ich hier etwas Schlechtes gemacht? Nein, ich habe die Wahrheit gesagt. Aber niemand hat meinen Schmerz gehört. Abgelehnt, roter Strich, Duldung. Mensch zweiter Klasse?
Ich bin aus Afghanistan geflohen, weil ich Angst um mein Leben hatte, ich hatte Angst vor dem Krieg, vor den Bomben. Ich bin in Deutschland und habe immer noch Angst um mein Leben, ich habe Angst wegen diesem Papier und vor einer Abschiebung. Ich hatte genug Schmerzen und Angst in meinem Leben! Es reicht, wann endlich habe ich Frieden? Bin ich nicht gleich viel wert wie jemand mit Aufenthaltserlaubnis?

Alireza Haidari
Ali ist 19 Jahre alt. Er kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling im Dezember 2012 nach Deutschland und besucht zurzeit eine Berufsvorbereitungsklasse und beginnt dann eine Ausbildung. Er ist aktives Mitglied eines Fußballvereins. Seit einem Jahr unterstützt er andere junge Refugees als Übersetzer.