Intern Geflüchtete in der Ukraine

Auf der Suche nach einer Zuflucht

Olga kam im August 2014 von Donetsk nach Kiew. Ihre Ankunft war nicht geplant. Als im Juni das Schießen in ihrer Stadt begann, wurde die ganze Belegschaft der Firma, bei der Olga arbeitete, dazu aufgefordert, für unbestimmte Zeit in ihren Häusern zu bleiben. Alle waren überzeugt, dass der Konflikt nach ein paar Tagen wieder vorbei sein würde. Deshalb packten Olga und ihre Mutter, die schon in Rente ist, nur das Nötigste ein und begaben sich in die andere Region der Ukraine, um bei Freunden unterzukommen. Nach wenigen Wochen hatten sie kein Geld mehr und die einzige Möglichkeit war es, nachhause zurückzukehren.
Der Zug, den sie nahmen, erreichte jedoch nie seine Endstation – Donetsk – die Brücken war gesprengt worden. Olga und Lyudmilla verbrachten fast einen ganzen Tag in einem Zug ohne Nahrung und konnten nicht nachhause. Sie hatten nur ein paar T-Shirts und Jeans, als sie wieder nach Kiew kamen. Sie liehen sich etwas Geld und mieteten ein dreizehn Quadratmeter großes Zimmer. Olga hatte Glück im Unglück – ihre Firma setzte den Betrieb in Kiew fort und so konnten sie und ihre Mutter in der Hauptstadt bleiben. Jeden Tag hörten sie von verwundeten oder getöteten Bekannten daheim in Donetsk – es war unmöglich, nachhause zurückzukehren.
Olga: „Im Herbst fand ich endlich den Mut, nach hause zu fahren und meine Sachen zu holen. Diese Fahrt werde ich nie vergessen – die Geräusche der Geschosse über deinem Kopf, keine Telefonverbindung zur Familie und die schreckliche Erkenntnis, dass dein Leben nicht mehr in deiner Hand liegt. Meine wohlhabende Stadt wurde in nur wenigen Tagen zu einer Geisterstadt: zerstörte Häuser, leere Straßen; Angst lag in der Luft.“
Es ist immer schwierig, mit Veränderungen umzugehen, besonders mit solchen, die du nicht vorhersehen kannst. Noch schwieriger ist das für ältere Menschen. Olgas Mutter hatte 25 Jahre in Horlivka in der Gegend von Donetsk gearbeitet und konnte sich ihre Leben nicht ohne diese Stadt vorstellen. Sie fühlte sich in Kiew fürchterlich einsam und verzweifelt… ihr ganzes früheres Leben existierte nicht mehr. Die ersten drei Monate nach der Flucht verbrachte Lyudmilla in der kleinen Mietswohnung, traute sich nicht hinaus und starrte nur auf den Fernseher und wartete verzweifelt auf irgendwelche Neuigkeiten von zuhause.
„Die Leute in Kiew sind nett und offen,“ sagt Olga, „aber weil sie so weit von der Konfliktzone entfernt Leben, glauben sie jedem Gerücht, das sie hören. Sie versuchen also, ihren normalen Lebensstil mit allen Mitteln zu verteidigen.“ Es dauerte eine Weile, bis Olga und ihre Mutter ein neue, mehr oder weniger angemessene Wohnung fanden: Die meisten Vermieter*innen lehnten es ab, die Verhandlungen mit den beiden fortzuführen, wenn sie von der Herkunft ihrer potenziellen Mieterinnen hörten. Sie wollten mit Leuten aus Donbas einfach nichts zu tun haben.
„Dennoch sind diese Momente nichts im Vergleich zu der Erkenntnis, dass du wahrscheinlich nie mehr nachhause zurückkehren kannst, nie mehr durch die Straßen deiner Kindheit gehen, nie mehr Verwandte und Freunde treffen, die jetzt in verschiedenen Städten und sogar Ländern leben“, sagt Olga.
Momentan sind es 1.734.958 Einwohner*innen der Ukraine, die ihr Zuhause verlassen haben, um in einem anderen Teil des Landes Schutz zu suchen. Nicht alle von ihnen hatten soviel Glück wie Olga und fanden einen Job und eine Wohnung an ihrem neuen Wohnort. Viele leben unter schrecklichen Zuständen in Schlafsälen oder Krankenhäusern, manche kommen sogar in Ferienparks unter, die als kollektive Unterkünfte dienen. Diejenigen, die keinen Job gefunden haben, bekommen eine kleine Zuwendung vom Staat, um ihre Miete bezahlen zu können. Die intern Geflüchteten müssen jedoch die schmerzhafte bürokratische Prozedur der Registrierung durchleben und Schlange stehen, um diese staatliche Hilfe zu bekommen.
Wenn über die Probleme intern Geflüchteter gesprochen wird wäre es jedoch unfair, diese vom größeren Zusammenhang zu trennen, das heißt von der gegenwärtigen Situation in der Ukraine. Die ökonomische und politische Krise betrifft jede*n im Staat, auch wenn diejenigen, die ihr Zuhause verloren haben, selbstverständlich am stärksten betroffen sind. Zumal die Ukraine sich zum ersten Mal in seiner Geschichte vor dem Problem der internen Flucht steht.
Internationale Organisationen, NROs und freiwillige Helfer*innen unterstützen neben der Regierung die intern Geflüchteten auf vielfältige Art und Weise. Die Krise hat die Bevölkerung tatsächlich zusammengeschweißt. Menschen in der Ukraine schließen sich zusammen, um sich gegenseitig zu beschützen – sie bieten sich Schutz, teilen Kleidung, sammeln Geld, organisieren sich, um ihren Landleuten zu helfen. Mit dem Aufkommen der Krise wurden eine Reihe von NROs zu dem Zweck gegründet, intern geflüchteten ukrainischen Einwohner*innen zu helfen, die aus dem Osten (Crimea) flüchteten. Zusätzlich zu der Bereitstellung der Grundversorgung – wie Nahrung, Kleidung usw. – haben diese Organisationen in der Regel Hotlines, die täglich Dutzende von Geflüchteten mit Informationen versorgen. Zu diesem Beratungsangebot gehören rechtliche Themen, Wiederherstellung von Dokumenten, humanitäre Unterstützung, Evakuierung aus der Konfliktzone und sogar das Arrangieren von Unterkünften.
Sie erinnern sich: Olga hatte die Möglichkeiten Donbas im Herbst 2014 zu besuchen. Das ist mittlerweile nicht mehr so einfach. Anfang 2015 kam ein neues Regime an die Macht, welches eine Sondergenehmigung der ukrainischen Sicherheitsbehörde verlangt, um in diejenigen Bereiche gelangen zu können, die nicht von der Regierung kontrolliert werden. Zudem wurden aus Sicherheitsgründen eine Reihe von Einschränkungen für den Transport eingeführt.
„Dennoch –“, sagt Olga, „alle Geflüchteten, ähnlich unserer Familie, wachen auf und gehen zu Bett mit der Hoffnung, eines Tages nachhause zurückzukehren. Sie interessieren sich weniger für Diskriminierung, Registrierung und Anerkennung ihrer Rechte als dafür, dass sie eines Tages nachhause zurückkehren können. Worum es uns wirklich geht ist Frieden.“

Oksana Siruk
Oksana studierte vergleichendes Verfassungsrecht an der Central European University in Budapest, Ungarn. Momentan arbeitet sie in der Ukraine zu den Themen des Konflikts und  der Situation intern geflüchteter Personen.

Übersetzung: Matthias Köberlein, Multikulturelles Zentrum Trier

Internally Displaced Persons in Ukraine

Seeking Refuge at Home

Olga arrived to Kyiv from Donetsk in August 2014. Her arrival was not planned. When in June shooting in her city began, all the staff of the company where Olga worked was ordered to stay at home for indefinite period of time. Everyone was sure that the conflict would be over in few days. That is why Olga and her retired mother Lyudmila packed only the most important things and went to the other region of Ukraine to stay with their friends. In few weeks they ran out of all their money and the only option left was to come back home.
However, the train they took had never reached its final destination – Donetsk, because the bridges were exploded. Olga and Lyudmila spent almost a day in a train without any food and did not manage to get home. Having just a couple of T-shirts and jeans they came to Kyiv, borrowed some money and rented an apartment sized 13 m². for two. Olga was lucky enough – her company continued its operation in Kyiv and thus she and her mother could stay in the capital. Every day they learned about wounded and killed acquaintances back in Donetsk – it was impossible to come back home.
Olga: “Finally in autumn I found enough courage to go home in order to pick up my stuff. I will never forget this trip – the sound of missiles above your head, absence of any phone connection with the family and terrible understanding of the fact that your life is not under your control anymore. My prosperous city became a city of ghosts just in a couple of days: destroyed houses, empty streets and fear that became the air.”
It is always hard to handle changes in your life, especially those that you can’t predict. It is even tougher for elder people. Olga’s mother who had been working for 25 years in Horlivka, Donetsk region could not imagine her life without this town and upon her arrival to Kyiv felt dreadful loneliness and despair…all her previous life did no longer exist. Three months after the fleeing Lyudmila spent in a small rented room being afraid to leave the apartment and staring at TV desperately waiting for any news from home.
“People living in Kyiv are kind and open,” says Olga, “however, the fact that they are far from the conflict zone makes them believe in any rumors they hear so they try to protect their usual lifestyle by any means.” It took a long time for Olga and her mother to find a new more or less decent apartment: most of the potential landlords after learning about the place of origin of their potential tenants refused to continue any negotiations simply because they did not want to deal with people from Donbas.
“However, all these moments are nothing in comparison to the understanding that probably you would never be able to come back home again, walk through the streets where you spent your childhood, meet relatives and friends, who are living in different cities and even different countries now,” says Olga.
Currently 1,734,958 inhabitants of Ukraine left their homes seeking refuge in the other parts of the country. Not all of them were as lucky as Olga to find a job and an apartment at a new place. Many live in dormitories, hospitals and even summer resort houses, serving as collective centers, and many of them in terrible conditions. Those who haven’t found a job get small allowance from the state to cover rent expenses. At the same time in order to get state disbursements, internally displaced persons (IDPs) have to go through painful bureaucratic procedure of registration and long queues.
However, talking about the problems IDPs are facing now, it would be unfair to disconnect it from the bigger picture of the present situation in Ukraine. Economic and political crisis affects everyone in the country, but of course, it has stronger impact on those, who had recently lost their homes. Moreover, Ukraine has faced the problem of internally displaced people for the first time in its history.
International organizations, NGOs and volunteers along with the government are providing various types of assistance to IDPs all over Ukraine. Indeed, the crisis welded a nation. People all over Ukraine unite to save each other – provide free shelter, share clothes, create financial funds, organizations that help their displaced compatriots. In the wake of the crisis a number of NGOs were established with the purpose to help displaced Ukrainian inhabitants that fled from the East (Crimea). In addition to providing basic means for survival, such as food, clothes, etc, these organizations usually have hotlines that provide information to dozens of displaced persons on a day-to-day basis. Such consultations concern legal matters, restoration of documents, humanitarian assistance, evacuation from the conflict zone and even arranging accommodation in displacement areas.
As you remember, Olga had a chance to visit Donbas in autumn 2014, while it is not that easy anymore. At the beginning of 2015 the new regime was introduced according to which a special permit from the Security Service of Ukraine has to be obtained in order to get to non-government controlled areas, also a number of restrictions on the movement of transport were introduced for security reasons.
“However,” says Olga, “all the IDPs similarly to our family wake up and go to bed with the hope to come back home, they do not care about discrimination, registration or recognition of their rights as much as they care about returning back home one day, the only thing they truly care about is peace.”

Oksana Siruk
Oksana studied comparative constitutional law at Central European University in Budapest, Hungary. Currently she’s working in Ukraine in the sphere related to conflict and IDPs.