„Eine angebrachte ärztliche Behandlung für Asylsuchende in Trier wäre möglich, wenn es gewollt wäre.“

Interview von Patrick Zimmer

Dr. Barbara Detering-Hübner ist Ärztin im Gesundheitsamt Trier. Sie bietet den Asylsuchenden in einem Projekt eine Beratung zu sexuell übertragbaren Krankheiten an. Dabei stellt sie immer wieder fest, dass die Asylsuchenden keine individuelle gesundheitliche Versorgung wahrnehmen können.

Ertaufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende

Ertaufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Trier Nord, © Fabian Boist

Grenzwertig: Wie sind Sie mit den Asylsuchenden in Trier in Kontakt gekommen und was war der Auslöser für die Initiierung ihres Projektes?

Dr. Barbara Detering-Hübner: Alle Asylsuchenden, welche in der Erstaufnahmestelle für Asylsuchende in Trier ankommen, werden nach ihrer Ankunft auf ansteckende Krankheiten untersucht. Das ist eine Regelung auf Landesebene die seit 1998 durchgeführt wird. Der Hintergrund für die von der Landesregierung festgelegten Erstuntersuchungen ist es, meiner Meinung nach, die deutsche Bevölkerung zu schützen, vor allem um eine Verbreitung in der Gemeinschaftsunterkunft und an die Angestellten zu verhindern. Dabei ist bisher leider keine ausreichende Regelung vorgesehen, die Betroffenen über ihre Befunde und gar eine mögliche bestehende Erkrankung zu unterrichten. Das ist für mich mit meinem ärztlichen und auch menschlichen Gewissen nicht zu vereinbaren. Als Ärztin ist es meine Pflicht dem einzelnen Menschen individuell zu helfen. Im Jahr 2006 haben wir dazu in Zusammenarbeit mit der ökumenischen Flüchtlingsberatungsstelle das Projekt „Wissen schützt – Gesundheitsförderung von Asylsuchenden“ ins Leben gerufen. Es bietet den Asylsuchenden in Trier die Möglichkeit, sich kostenlos und anonym auf sexuell übertragbare Krankheiten untersuchen zu lassen. Der Notwendigkeit unseres Projektes lag die Annahme und der Wunsch zu Grunde, dass mehr gemacht werden müsste als nur eine Untersuchung anzubieten. Wir haben uns gefragt, was überhaupt mit den erhobenen Befunden passiert und ob diese tatsächlich nur erhoben werden, damit sich in der Gemeinschaftseinrichtung keine ansteckenden Krankheiten verbreiten.

Grenzwertig: Nach der Erstuntersuchung ist also kein Mechanismus vorgesehen, der Person individuell zu helfen. Konnte dieses Defizit bei den Asylsuchenden, die sich im Rahmen des Projekts „Wissen schützt“ untersuchen lassen, behoben werden?

Dr. Barbara Detering-Hübner

Dr. Barbara Detering-Hübner, © Patrick Zimmer

Dr. Barbara Detering-Hübner: Mit unserem Projekt können wir es leider auch nicht leisten, diese individuelle Hilfe sicher zu stellen. Und das hat mich an meine Grenzen getrieben. In Einzelfällen habe ich immer wieder versucht Kontakt zu einzelnen erkrankten Personen aufzunehmen, um ihnen den Befund mitzuteilen und sicherzustellen, dass diese Informationen mit an den Transferort[1] gegeben werden. Ich fühle mich mit dieser Situation allerdings überfordert. Den Höhepunkt hatte es letzten Sommer. Da wurde ich an meine ganz persönlichen Grenzen getrieben. Ich habe mir nicht vorstellen können, jemals in eine solche Situation zu kommen. Ich bin mein Leben lang ein optimistischer Mensch gewesen. Im letzten Sommer dachte ich zum ersten Mal ans Aufhören, daran doch am besten schnell in Rente zu gehen. Zuvor hätte ich mir diesen Gedanken nie vorstellen können. Schuld daran trägt die unzureichende Regelung zur Gesundheitsversorgung der Asylsuchenden. Es besteht kein Anspruch auf individuelle Hilfe, einhergehend mit einer angebrachten gesundheitlichen Behandlung. Es ist also durchaus möglich, dass eine betroffene Person gar nicht über die festgestellte Krankheit informiert wird. Das kann nicht sein!

Grenzwertig: Haben Sie schon mal versucht bei einzelnen Betroffenen dafür zu sorgen, dass sie über die Befunde unterrichtet werden?

Dr. Barbara Detering-Hübner: Ja. In zahlreichen Fällen habe ich versucht mit der ökumenischen Beratungsstelle und über eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher den Kontakt zu der betroffenen Person herzustellen und einen Termin auszumachen, um ihr zunächst einmal mitzuteilen, welche Erkrankung vorliegt und was das bedeutet. Es ist vorgekommen, dass ich bei einem solchen Termin erfahren habe, dass die Person die Information bereits hatte. Bei anderen wieder nicht. Das ist also reine Glückssache. Man kann sich da nie sicher sein. Das muss sich ändern!

Es ist sehr wichtig der betroffenen Person die ärztlichen Befunde mitzugeben, so dass sie auch an dem Transferort vorliegen. Nur so wäre sichergestellt, eine möglicherweise wichtige weitere ärztliche  Behandlung zu gewährleisten. Oft handelt es sich beispielsweise um eine chronische Hepatitis, bei der es wichtig ist den Krankheitsverlauf zu kontrollieren.

Grenzwertig: Inwiefern halten Sie die psychologische Beratung der Asylsuchenden, die in der Erstaufnahmestelle ankommen, für angemessen?

Dr. Barbara Detering-Hübner: Es findet keine statt! Die ökumenische Flüchtlingsberatungsstelle, welche sich auf dem Gelände der Erstaufnahmestelle befindet, hat zwar ausgebildetes Fachpersonal, die wenigstens einigen wenigen etwas helfen können. Die Information dieses Angebots wird den Asylsuchenden jedoch nicht ausreichend mitgeteilt. Jede und jeder neu angekommene sollte ganz automatisch eine persönliche psychologische Erstbetreuung bekommen oder zumindest die Möglichkeit dazu haben. Die ökumenische Beratungsstelle bemüht sich zwar darum. Wie viele Menschen das Angebot jedoch tatsächlich wahrnehmen ist schwer nachzuprüfen. Mein Eindruck ist, dass sicherlich nicht alle die dort untergebracht sind wissen was diese Beratungsstelle macht. Dazu gehört neben der Beratung zur posttraumatischen Belastungsstörung auch eine Hilfe bei der Verfahrensberatung, also zur Stellung des Asylantrags.

Grenzwertig: Wie steht es um die generelle ärztliche Versorgung der Asylsuchenden in Trier? Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Dr. Barbara Detering-Hübner: Das Angebot der ärztlichen Versorgung ist bei Weitem nicht ausreichend! Es gibt in der Erstaufnahmestelle nur wenige Ärztinnen und Ärzte, die jeweils nur für wenige Stunden pro Woche anwesend sind. Das ist nicht ausreichend! Dadurch wird die ärztliche Verantwortung auf die dort arbeitenden Arzthelferinnen und -helfer übertragen. Das ist nicht zulässig. Eine ärztliche Begutachtung und adäquate Entscheidung zur notwenigen weiteren Gesundheitsbehandlung findet zurzeit nicht statt.

Die Krankenstation in der Erstaufnahmestelle besitzt zu geringe Kapazitäten. So ist beispielsweise noch nicht mal sicher, ob genügend Zeit da ist, die Befunde zu kopieren und der betroffenen Person mitzugeben. Ob dies geschieht ist für mich auch nicht einsehbar. In einigen Fällen kommt das schon mal vor, es ist dazu aber keine Regelung vorgesehen. Auch wenn ich darum bitte, bleibt es für mich meistens im Dunkeln, ob die Befunde mitgegeben wurden. Wenn dies geschieht findet allerdings keine Erklärung in der Sprache der betroffenen Person statt. Es reicht ja auch nicht den Leuten einfach ohne Erklärung ein Stück Papier in die Hand zu drücken.

Außerhalb der Sprechstunden der Krankenstation in der Erstaufnahmestelle dürfen die Asylsuchenden nicht einmal selber entscheiden ob und wann sie zum Arzt gehen wollen. Das Asylbewerberleistungsgesetz ist ein Begriff der mich psychisch fertig gemacht hat! Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es tatsächlich so praktiziert und sich sooft darauf bezogen wird. Da kommt ein Stein zum anderen der mich wirklich runtergezogen hat. Immer wieder neu zu erleben wie ungerecht und ungleich die Menschen in Deutschland behandelt werden. Einige „Wunder“, wo doch individuell geholfen wurde, haben mir Kraft gegeben, daran habe ich mich dann herausziehen können.

Grenzwertig: Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Dr. Barbara Detering-Hübner: Ja, gerne. Und dabei zeigt sich, dass es ganz einfach möglich wäre auf individuelle Besonderheiten in der gesundheitlichen Versorgung zu achten. Wenn es gewollt wäre, ließe sich das ohne Probleme organisieren. Die Behörden tun immer so als ob es schicksalhaft wäre. Ist es aber nicht.

In einem Fall konnte ich einer Familie helfen, die von der Erstaufnahmestelle in ein weit von Trier entferntes Dorf transferiert wurde. In der Krankenstation war bekannt, dass ein Familienmitglied eine regelmäßige ärztliche Behandlung in Trier benötigt. Diese Information wurde aber nicht weitergegeben, was zur Folge hatte, dass die Familie in das abgelegene Dorf ziehen musste. Sie haben dann mehrmals pro Woche einen aufwendig weiten Weg nach Trier bestreiten müssen. Da habe ich bei der zuständigen Behörde angerufen und den Fall geschildert. Der Familie wurde daraufhin erlaubt in die Nähe von Trier zu ziehen. Ich habe dann noch bei der Wohnungssuche geholfen, was auch kein großes Problem darstellte.

Grenzwertig: Was muss sich ändern, um eine angebrachte individuelle ärztliche Versorgung zu gewährleisten?

Dr. Barbara Detering-Hübner: Solange die Gesetzgebung den Asylsuchenden untersagt, nach freier Entscheidung einen Arzt aufzusuchen oder ins Krankenhaus gehen zu dürfen, müsste vor Ort in der Erstaufnahmestelle immer eine Möglichkeit bestehen, zu klären ob der Mensch eine dringende ärztliche Behandlung benötigt oder nicht. Das wäre das Mindeste! Wenn eine Krankenschwester so etwas entscheiden muss, ist das schon nicht in Ordnung. Noch weniger verständlich ist es, wenn die Entscheidung von dem dortigen Sicherheitspersonal getroffen wird. Das geht nicht.

Außerdem wäre eine Erstuntersuchung für jede neu angekommene Person notwendig, die darauf aus ist, der Person individuell zu helfen. Das wäre für mich echtes ärztliches Handeln und eine Gleichbehandlung von Menschen. Zum Glück sind die allermeisten körperlich gesund. Eine psychologische Beratung ist aber oft notwendig. Die Notwendigkeit dazu könnte bei einer ausschließlich körperlichen Untersuchung übersehen werden. Für mich als Ärztin ist es wichtig, dass die medizinische Versorgung sichergestellt wird. Eben das würde eine körperliche und psychische Erstuntersuchung und wenn notwendig individuelle Weiterbehandlung bieten. Wenn also etwas festgestellt wird, bei akuten Erkrankungen, sollten diese umgehend hier vor Ort in Trier behandelt werden. Bei einer chronischen Erkrankung sollte die Person zumindest darüber informiert werden und die Befunde mit einer Erklärung in ihrer Muttersprache überreicht bekommen. Eine solche Vorgehensweise könnte sogar dabei helfen Kosten zu sparen.  Jetzt laufen Dinge oft sogar doppelt ab. So müssten die Befunde, wenn sie den Personen mitgegeben würden, am Transferort nicht erneut erhoben werden. Bereits vorhandene Informationen weiter zu geben und zu benutzen, führt bekanntlicherweise zu einem Synergieeffekt und spart somit Kosten.

Wenn die zur Verfügung stehenden Mittel richtig verwendet würden, würde sich schon vieles verbessern. Es ist aber auch wichtig die Kapazitäten der Krankenstation auszuweiten. Die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte sowie Dolmetscherinnen und Dolmetscher muss erhöht werden. Ein erster Schritt in diese Richtung ist vor kurzem eingeleitet worden. Ein Trier Krankenhaus wurde beauftragt, sich um die medizinische Versorgung in der Erstaufnahmeeinrichtung zu kümmern. Das gibt mir Hoffnung.

Grenzwertig: Warum werden diese Maßnahmen nur so zögerlich ergriffen? Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Ich denke es ist leider nicht gewollt. Dazu müssen sich die Gesetzte ändern. Das Asylbewerberleitungsgesetz muss abgeschafft oder abgeändert werden. Die Politik steht hier in der Verantwortung.

Ich befürchte, dass die Annahme vorherrscht, dass jeder Euro für diese Menschen ein Euro zu viel sei. Ein Euro der der deutschen Bevölkerung verloren ginge. Das habe ich in diesem Wortlaut leider schon von einem Kollegen gehört. Das ist ganz schlimm, vor allem von Ärztinnen und Ärzten. Das geht meiner Meinung nach gegen jegliches ärztliches Gewissen, so über Menschen zu reden. Ich darf keinen Unterschied zwischen Deutschen und Asylsuchenden machen. Wie primitiv wir Menschen doch leider sind, zeigt sich darin, dass diese Denkart allzu oft vorkommt, eben auch von Ärztinnen und Ärzten und auch in der Politik. Ich frage mich, was wir nur machen können, damit solche Menschen nicht weiter Macht ausüben?

Grenzwertig: Haben Sie vielen Dank für das Interview!


[1] Anmerkung des Autoren: Nach meist drei Monaten werden die Asylsuchenden der Erstaufnahmestelle Trier an die verschiedenen Kreise in Rheinland-Pfalz aufgeteilt. Dabei haben die Menschen keinerlei Mitspracherecht, wohin sie transferiert werden.

 

This entry was posted in Teil 1 – Break the Isolation, Teil 2 – Rassismus in Institutionen und Gesellschaft. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>