“Die Abwertung Asylsuchender steht in Relation zur allgemeinen Fremdenfeindlichkeit”

Interview von Matthias Köberlein

Michael Müller ist Diplom-Pädagoge und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Siegen. Er forscht im Bereich der Einstellungs- beziehungsweise Vorurteilsforschung. Damit ist seine Arbeit eng verknüpft mit dem Syndrom “Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit”, das am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld erforscht wird. Dabei geht es um die Ursachen und Zusammenhänge von Vorurteilen und Abwertungstendenzen gegenüber unterschiedlichen sozialen Gruppen in der Gesellschaft, somit zum Beispiel auch um die Abwertung von Asylsuchenden.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
© Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld, 2011: Deutsche Zustände – Das entsicherte Jahrzehnt.

Grenzwertig: Welche Besonderheiten lassen sich aus Ihrer Forschung für die Gruppe der Asylsuchenden feststellen?

Michael Müller: Grundsätzlich kann man bei der Abwertung von Asylsuchenden davon ausgehen, dass zunächst die selben psychologischen Mechanismen greifen, die auch bei der Abwertung anderer sozialer Gruppen als ursächlich gelten. Zum Beispiel individuelle, soziale Desintegrationserfahrungen oder eine allgemeine Orientierungslosigkeit. Wer also den Eindruck hat, nicht ausreichend am gesellschaftlichen Leben partizipieren zu können oder im Allgemeinen den Eindruck hat, man wisse heute nicht mehr so recht, woran man sich halten könne, neigt zur Abwertung schwacher Gruppen.

Wie bei allen Facetten “Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit” zeigt sich zudem auch bei der Abwertung Asylsuchender, dass die Personen, die sich von Vielfalt in der Gesellschaft bedroht fühlen, ein höheres Maß an Abwertung zeigen.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Asylbewerber
© Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld. Auszug aus einer Präsentation von Michael Müller, Oktober 2013.

Etwa 72 Prozent der Befragten in unserer Erhebung aus dem Jahr 2011 wünschten nicht,dass der Staat großzügiger bei der Prüfung von Asylanträgen sein sollte. In der Konsequenz sollte der Staat also seine Asylpolitik zumindest nicht zum Vorteil der Asylsuchenden verändern, so die Meinung des größeren Teils der befragten Personen. Zusätzlich dazu unterstellen 47 Prozent der befragten Personen den Asylsuchenden, dass sie es nicht „wirklich fürchten würden“, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden. Bei Unterstellungen dieser Art legimitiert sich das Vorurteil sozusagen selbst. Wenn ich nicht verfolgt werde, beziehungsweise dies nicht zu fürchten habe, werde ich also wohl andere Gründe haben, nach Deutschland zu kommen.

Interessant bei diesem Phänomen ist, dass die eigene wirtschaftliche Lage der Befragten nur ganz minimal mit der Zustimmung zur Abwertung Asylsuchender verknüpft ist. Das bedeutet also, dass es für die Abwertung Asylsuchender keine große Rolle spielt, wie die eigene wirtschaftliche Lage eingeschätzt wird. Haben die befragten Personen jedoch generell den Eindruck, dass sie weniger als ihren gerechten Anteil erhalten, ist die Abwertung Asylsuchender höher ausgeprägt.

Wie zu erwarten ist, steht die Abwertung Asylsuchender auch in Relation zur allgemeinen Fremdenfeindlichkeit. Je höher also die fremdenfeindlichen Einstellungen sind, desto höher ist auch die Abwertung Asylsuchender. Gleiches gilt auch für rassistische Einstellungen und für die Zustimmung zu der Aussage „Ausländer sind eine Belastung für das soziale Netz.“ Diese Einstellungen sind also miteinander verknüpft, sie treten gleichzeitig auf.

Welche Empfehlungen geben Sie Asylsuchenden selbst und deren Unterstützer*innen?

Pragmatisch gesehen würde ich sagen, dass es in erster Linie darauf ankommt, die Asylgesetzgebung genauestens zu kennen, um keine Fehler beim Asylantragsverfahren zu begehen. Für die Unterstützer*innen geht es in erster Linie darum, gesellschaftliche Verbündete zu suchen, die die Anliegen der Asylsuchenden in den öffentlichen Fokus rücken können, um politischen Einfluss aufzubauen. Dabei empfiehlt es sich, ein möglichst großes Netzwerk zu etablieren und zu pflegen was sicherlich schon recht gut funktioniert.

Was können Sie zu Initiativen sagen, die gegen Asylunterkünfte protestieren?

Hier muss man unterscheiden, da man schnell dabei ist, Menschen, die sich gegen Asylunterkünfte in ihrem Wohnort aussprechen, zu verurteilen. Ich wäre da vorsichtig, weil auch hierbei Generalisierungen unangemessen sind. Natürlich gibt es rechtsgerichtete Gruppierungen oder Personen, die dies grundsätzlich aus ihrer rechten Gesinnung heraus tun. Es gibt aber auch eine andere, kompliziertere Konstellation. Gerade wenn Kommunen oder Städte nicht gut auf Asylbewerber*innen vorbereitet sind, kann dies zu Überforderung führen, die dann auf die ohnehin vorhandenen Ängste und Vorbehalte der Einwohner*innen trifft. Dies ist eine brisante Mischung, die dann schnell von rechten Gruppierungen ausgenutzt wird.

Dies ist das eine, auf der anderen, der Diskursseite, geht es darum zu zeigen, welche Verantwortung wir gegenüber Asylsuchenden haben und wie wir dieser gerecht werden können und auch, welche Vorteile die deutsche Gesellschaft von Einwanderung generell oder im speziellen Asylsuchenden haben kann.

Wie schätzen Sie die deutsche Debatte zur Asylpolitik ein?

Nach Einschätzung von Prof. Dr. Andreas Zick, dem Leiter des erwähnten Instituts, wiederholen sich die Debatten der 90er Jahre. Zudem ist relativ leicht erkennbar, welche Perspektiven vertreten sind. Auf der einen Seite gibt es solche, die die Angst vor dem Ausnutzen der Sozialsysteme betonen, oder so weit gehen, Asyl und Kriminalität pauschal in einem Zusammenhang zu nennen. Auf mich wirken Befürworter*innen einer offeneren Asylpolitik jedoch teilweise insofern überfordert, da die Konzepte unklar bleiben. Mehr Menschlichkeit im Umgang mit Asylsuchenden zu fordern, klingt zwar zunächst positiv, bleibt dann in einem zweiten Schritt aber leicht inhaltsleer. Hier wäre es empfehlenswert, so klar wie möglich Veränderungspläne zu verbalisieren, die inhaltlich verstanden werden können und zudem eine rechtliche Möglichkeit besteht, diese konkret umzusetzen, oder aber zu zeigen, wie dies geschehen könnte.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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