„Die bürgerliche Mitte ist das Problem“

„In den Peschen 3-5“- die Adresse der angeblichen Problemhochhäuser im Stadtteil Bergheim des Stadtbezirks Rheinhausen – hat in den letzten Monaten traurige Berühmtheit erlangt. Überwiegend Roma haben dort Zuflucht gefunden. Sie stehen seither im öffentlichen Interesse, sind Vorurteilen und Rassismus ausgesetzt. Für die „Grenzwertig“ sprach Max Bassin mit der antirassistischen Initiative gegen Duisburger Zustände.

Die „Problemhäuser“ in Duisburg-Rheinhausen © Roland Geisheimer/attenzione

Die „Problemhäuser“ in Duisburg-Rheinhausen © Roland Geisheimer/attenzione

Max Bassin: Welche Zustände herrschen in Duisburg?

Seit fast zwei Jahren breitet sich in Duisburg eine starke antiziganistische Stimmung bis hin zu Übergriffen aus. Schlagzeilen über „Problemhäuser“ beherrschen die lokale Presse, Panikmache vor vermeintlichen „Zuwanderströmen“ die Stammtische. Dadurch fühlen sich RassistInnen diverser Provenienz ermutigt, ihrem Hass in sozialen Netzwerken freien Lauf zu lassen. Auf den Straßen formieren sich zudem BürgerInnenproteste und bei den Bundestagswahlen konnte die NPD in Duisburg das beste Ergebnis in den alten Bundesländern feiern. Dabei kommen die Stichwortgeber antiziganistischer und rassistischer Hetze nicht aus der radikalen Rechten, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Von Polizeisprechern bis hin zum Oberbürgermeister bricht sich ein xenophober Furor Bahn.

Das Klima in der Stadt wird nicht nur von den Auseinandersetzung um die Hochhäuser geprägt. Auch Meldungen über Brände in Asylheimen im Stadtgebiet gerieten jüngst in die Presse.

Es gab im Herbst 2013 insgesamt drei Brände in von MigrantInnen oder ehemals von MigrantInnen bewohnten Gebäuden. Im Stadtteil Hochheide brannte ein primär von RumänInnen und BulgarInnen bewohntes Haus. Über 40 Menschen mussten nachts aus dem brennenden Haus flüchten. Die Polizei sprach von Brandstiftung, wobei bis heute unklar ist, ob diese vorsätzlich war. Wenig später wurde in einem von ZuwandererInnen aus Osteuropa bewohnten Haus im Duisburger Süden eine Nebelkerze gezündet. Zuletzt brannte in Walsum ein ehemaliges AsylbewerberInnenheim, das renoviert und wieder als solches genutzt werden sollte. Alle drei Fälle sind bis heute nicht aufgeklärt. Rassistische Motive können natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Der Antiziganismus der Stadtoberen

Heizen populistische Forderungen wie jene der CSU „Wer betrügt, der fliegt“ die Stimmung in Duisburg weiter an?

Definitiv! Wir haben immer betont, dass Antiziganismus und Rassismus in Duisburg eher von der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ ausgehen, weniger von Rechtspopulisten und Neonazis. Der Antiziganismus ist in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet und kann offenbar schnell befeuert bzw. abgerufen werden. Genau ein solcher Prozess war und ist in Duisburg zu beobachten, wo große Teile der Medien und der Lokalpolitik schnell von „Problemhäusern“ und „Klaukids“ gesprochen haben.

„Klaukids“?

So genannte „Klaukids“ sollen bandenmäßig organisiert systematisch Diebstähle begehen und vor allem aus dem NeumigrantInnen-Spektrum kommen. So zumindest die weit verbreitete Annahme in Duisburg. Die von der Polizei veröffentlichten Zahlen lassen allerdings nicht auf eine signifikante Zunahme von Einbrüchen und Diebstählen in Duisburg und Umgebung schließen. Hier haben wir es also offenbar mit einer antiziganistisch motivierten Paranoia zu tun, von der Teile der Bevölkerung und der Polizei betroffen sind.

Wie verhalten sich die politischen Entscheidungsträger?

Berichterstattung in der Rhenischen Post © Screenshot/rp-online.de

Berichterstattung in der Rhenischen Post © Screenshot/rp-online.de

Der Oberbürgermeister Sören Link (SPD) beklagt sich bundesweit über die sogenannte Armutszuwanderung und die damit – tatsächlich oder vermeintlich – verbundenen Probleme. Nachdem bekannt wurde, dass die so getauften „Problemhäuser“ in Duisburg-Bergheim geräumt werden sollen, sagte der Sozialdezernent der Stadt Duisburg Reinhold Spaniel (SPD) gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung: „Wir gehen davon aus, dass die Bewohner auf Grund ihrer hohen Mobilität weiterziehen und die Stadt verlassen“. Hier bedient Spaniel ein jahrhunderte altes antiziganistisches Vorurteil. In einem Interview in der Zeitung „Die Welt“ vom 27. August 2013 stellt der Sozialdezernent das Integrationskonzept seiner Behörde vor, das zum Ziel habe „den Leute(n) ganz simple Dinge des Lebens (zu) erklären, zum Beispiel dass eine Mülltüte in eine Mülltonne gehört. (…) Dass man seine Notdurft nicht draußen, sondern in der Toilette im Haus verrichtet“. Auch hier bedient sich der Sozialdezernent antiziganistischer Stereotypen vom „unhygienischen und dreckigen Zigeuner“.

Bei ihrem Kurs wird die Stadtführung von den Fraktionen der SPD, Grünen und Linkspartei unterstützt, die eine gemeinsame Koalition im Rat bilden. In einem gemeinsamen Antrag, der von Rot-Rot-Grün vorgelegt und vom Rat beschlossen wurde, wird davon gesprochen, dass die „konzentrierte Unterbringung von ZuwandererInnen zu zahlreichen Problemstellungen innerhalb von Nachbarschaften“ geführt habe. Von wem welche Probleme ausgehen, wird aber nicht explizit gesagt, allen voran werden die rassistischen Proteste Duisburger WutbürgerInnen im Antrag nicht explizit benannt.

Aufschwung am rechten Rand

Ihr sprecht die „Bürgerinitiativen“ der AnwohnerInnen an. Wie äußert sich deren Rassismus?

Seit circa zwei Jahren kommt es immer wieder zu Anfeindungen von NachbarInnen gegen die BewohnerInnen des Komplexes „In den Peschen 3-5“. Im Sommer 2013 spitze sich die Situation weiter zu. In einer Facebook-Gruppe forderten dutzende Personen unter anderem, das Haus abzufackeln. Wenig später wurden rassistische Parolen ans Haus geschmiert und die BewohnerInnen nachts von Vermummten bedroht.

Außerdem haben sich verschiedene Bürgerinitiativen in diversen Stadtteilen gegründet, unter anderem in Neumühl und Rheinhausen. Letztere veranstaltete am 5. Oktober 2013 eine Kundgebung unter dem Motto „Wir sind Rheinhausen – Schau nicht weg“ auf dem Rheinhausener Markt. An der Kundgebung nahmen teilweise bis zu 250 Personen teil. Laut mehrfacher Aussage des VeranstalterInnenkreises im Vorfeld sollte sich die Kundgebung nicht gegen ZuwandererInnen, sondern gegen die Duisburger Ordnungsbehörden und ihre vermeintlichen Verfehlungen im Umgang mit dem Wohnblock „In den Peschen 3-5“ richten. Im Ankündigungstext hatten sich die OrganisatorInnen Mühe gegeben, weltoffen und pluralistisch zu erscheinen. In der Umsetzung sah es aber ganz anders aus: eine Rednerin sprach etwa von „scheiß Bulgaren“, ohne dass ihr das Rederecht durch die VeranstalterInnen entzogen wurde. Besonders pikant: an der vermeintlich nicht gegen ZuwandererInnen gerichteten Kundgebung nahmen von Beginn an auch zehn bis fünfzehn bekannte Neonazis aus Duisburg teil – einer sogar als Ordner. Andere hielten die Ankündigungsplakate hoch, die von den Veranstaltern verteilt worden waren.

Habt ihr wegen dieser konkreten Bedrohungssituation angefangen „Nachtwachen“ zu organisieren?

Genau. Es gab neben Drohungen im Internet und rassistischen Sprühereien am Haus auch Versuche von Neonazis das Haus anzugreifen, wie BewohnerInnen des Hauses und deren UnterstützerInnen berichteten. In den ersten Nächten der Nachtwachen wurden diese und die BewohnerInnen der Häuser mehrmals aus vorbeifahrenden Autos heraus angefeindet. Unterstützt wurden die Nachtwachen von Anfang an durch wenige Mitgliedern einer Kirchengemeinde und einigen SozialarbeiterInnen.

Was unternehmt ihr konkret, um den BewohnerInnen zu helfen?

Wir haben uns an Spendensammlungen für die in immenser Armut lebenden NeueinwandererInnen beteiligt und Opfern von staatlicher Repression juristische Hilfe vermittelt. Allerdings verstehen wir uns nicht in erster Linie als „karitative“ Initiative. Unser Anliegen ist es primär, die Duisburger Zustände zu kritisieren und dem rassistischen Diskurs in der Stadt etwas entgegen zu setzten. Wir werden aber in Zukunft versuchen, mehr „unmittelbare“ Hilfsangebote für von Antiziganismus und Armut Betroffene voran zu bringen.

Welche Rolle spielt die extreme Rechte politisch in Duisburg?

Die Neonaziszene ist im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten – wie Dortmund oder Hamm – in Duisburg verhältnismäßig schwach aufgestellt. Trotzdem entfalten die Kameradschaft „Nationaler Widerstand Duisburg“ und die Nazi-Hooligangruppierung „Division Duisburg“ nennenswerte, gefährliche und zunehmend mehr Aktivitäten. So gingen von diesen Gruppen in den letzten Monaten mehrfach brutale Übergriffe auf antirassistische Fußballfans aus, die auch bundesweit für Schlagzeilen sorgten. In der Fanszene des MSV Duisburg haben die beiden Gruppierungen momentan viele SymphatisantInnen. So ist zu befürchten, dass sich aus diesen Kreisen in naher Zukunft weitere Personen dem harten Kern der militanten neonazistischen Szene anschließen werden.

Bei den extrem rechten Parteien ist in Duisburg gegenwärtig eine regelrechte Euphorie zu beobachten. Der Kreisverband der NPD wurde vor einem Jahr wiederbelebt und hofft, bei der Kommunalwahl im Mai an die Erfolge der Bundestagswahl anknüpfen zu können. Bei dieser erzielte die neonazistische Partei in Duisburg ihr bestes Ergebnis in Westdeutschland! So entfielen 9.307 (4,17%) der Erststimmen und 6.258 (2,79%) der Zweitstimmen in Duisburg auf die NPD.

Protest gegen Rechts am 9. November 2013 in Duisburg © Roland Geisheimer/attenzione

Protest gegen Rechts am 9. November 2013 in Duisburg © Roland Geisheimer/attenzione

Der Kreisverband von PRO NRW konnte im Herbst 2013 verhältnismäßig großen Zulauf von BürgerInnen bei Kundgebungen verbuchen. So nahmen am 5. Oktober 2013 bis zu 250 Neumühler AnwohnerInnen an einer Kundgebung von PRO NRW in ihrem Stadtteil teil, die am selben Tag wie die Kundgebung der erwähnten Bürgerinitiative im Stadtteil Rheinhausen stattfand. Dabei feierten diese rassistische Parolen frenetisch und stellten selbst die meisten RednerInnen. Unter vielen wild geschwenkten Deutschlandfahnen und von Klatschen untermalten Sprechchören erinnerte die Stimmung zeitweise an die in einem Fußballstadion. Dutzende Personen skandierten unter anderem Parolen wie „Kein Asyl in Neumühl“ und übertrafen die Redner von PRO NRW in Sachen Radikalität deutlich. Inzwischen hat der Kreisverband von PRO NRW in Duisburg nach eigenen Angaben eine 36-köpfige Liste für die Kommunalwahl aufgestellt, die von dem eigens aus Berlin nach Duisburg geholten ehemaligen Bundesvorstandsmitglied von PRO Deutschand, Mario Malonn, angeführt wird.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir mit Spannung, ob die Wahlkampfaktionen von PRO NRW und NPD sowie mögliche Aktionen aus der parteifreien Neonaziszene die Stimmung in der Stadt weiter anheizen werden. Auch inwieweit die extrem rechten Gruppierungen die vorhandene antiziganistische und rassistische Stimmung in der „bürgerlichen Mitte“ für sich werden nutzen können, bleibt spannend zu beobachten. Für den 1. Mai haben beiden Parteien außerdem Aufmärsche in Duisburg angekündigt.

Bricht sich in Duisburg ein seit dem Nationalsozialismus zwar zurückgedrängter, aber nie gänzlich verschwundener Antiziganismus Bahn – oder was ist gemeint, wenn ihr schreibt Antiziganismus würde „immer noch zum Alltag in der postnationalsozialistischen deutschen Gesellschaft“ gehören?

Der Antiziganismus wurde in Deutschland nie wirklich „aufgearbeitet“. Anders lässt sich kaum erklären, warum es zu Ausfällen wie in Duisburg kommen kann. Zu erwähnen ist aber, dass in einer postnationalsozialistischen Konstellation der Antiziganismus natürlich seine Form verändert hat und nur bedingt von einer „geraden Linie“ zum völkischen Antiziganismus des NS gesprochen werden kann. So ist etwa in Duisburg auffällig, dass sich auch viele Menschen mit Migrationshintergrund an antiziganistischen Aktionen beteiligen. Der Antiziganismus scheint also die autochthonen und „neuen“ Deutschen in Duisburg in einem gewissen Grad zusammen zu schweißen.

Angesichts der heftigen Proteste gegen Flüchtlinge – Berlin-Hellersdorf und Schneeberg seien exemplarisch genannt – erleben wir ein Revival der rassistischen Pogromstimmung, wie sie Anfang der 1990′er Jahre virulent wurde?

Wir erkennen gewisse Parallelen zu den 1990′er Jahren, aber auch Unterschiede. Zum einen haben wir den Eindruck, dass die rassistische Stimmung sich – zumindest noch – auf einzelne Kommunen und Regionen beschränkt, während es in den neunziger Jahren in nahezu allen Teilen der BRD zu rassistischen BürgerInnenprotesten und Anschlägen kam. Zum zweiten haben wir den Eindruck, dass sich die großen Parteien und einige „Leitmedien“ bisher zurückhalten und den Rassismus noch nicht zu einem großen Kampagnenthema gemacht haben. Trotzdem kann aber keine „Entwarnung“ gegeben werden – wie das Duisburger Beispiel deutlich zeigt. Die pogromartigen Zusammenrottungen in Neumühl, die Anschlagsdrohungen im Internet, der Zulauf für rechtsradikale Gruppierungen und die unkritischen bis rassistischen Äußerungen aus den lokalen Medien und der Politik wecken durchaus Erinnerungen an die 1990′er Jahre.

Wie berichten denn die regionalen- und überregionalen Medien?

Die Abfalleimer 2013 - von Müllbergen keine Spur © BPD

Die Abfalleimer 2013 - von Müllbergen keine Spur © BPD

Es gab zwar mehr oder minder kritische Beiträge in überregionalen Medien über die Situation in Duisburg, die rassistischen Ausfälle der autochthonen Bevölkerung und den von Armut und Rassismus geprägten Hintergrund der NeueinwanderInnen aus Südosteuropa. In der Mehrheit berichteten die Medien aber reißerisch und nicht selten wurde mit antiziganistichen Ressentiments gearbeitet. Der Antiziganismusforscher Markus End hat zum Beispiel darauf hin gewiesen, dass bei der Berichterstattung über das „Problemhaus“ in Bergheim sehr oft eine Aufnahme aus dem Jahr 2012 gezeigt wird, auf der ein Müllberg zu sehen ist – weil zu diesem Zeitpunkt zu wenige Mülltonnen zur Verfügung standen, was sich aber seit über einem Jahr geändert hat. Trotzdem arbeiten Formate wie Spiegel TV oder das RTL Nachtmagazin immer noch mit diesen Bildern.

Die regionalen Medien wiederum geben zumeist unkritisch Aussagen von rassistischen AnwohnerInnen, der Polizei oder der Lokalpolitik wieder. Eine ernsthafte Kritik am Antiziganismus findet sich dort äußerst selten. Die Lokalredaktion der Westdeutschen Allgemeine Zeitung aus Duisburg hat zudem den Begriff „Problemhaus“ erfunden und die Rheinische Post Duisburg wurde für ihre Berichterstattung sogar schon vom Presserat gerügt.

Chancen und Grenzen politischer Arbeit

Ende August habt ihr vor dem Polizeipräsidium demonstriert. Was war der Anlass für den Protest?

Die Duisburger Polizeiführung und speziell Pressesprecher Ramon van der Maat ist mehrmals mit problematischen Äußerungen aufgefallen. Höhepunkt seiner Ausfälle war die gegenüber der TAZ getätigte Aussage, dass „kriminelle Roma“ die „mit unserer Gesellschaft nicht klar kommen (..) weg müssen“.

Kundgebung vor dem Duisburger Polizeipräsidium. © Initiative gegen Duisburger Zustände

Kundgebung vor dem Duisburger Polizeipräsidium. © Initiative gegen Duisburger Zustände

Hauptgrund für die Kundgebung war aber ein Polizeieinsatz vom 23. August 2013. Damals stürmten Einsatzkräfte in Kampfanzügen und mit Unterstützung von Polizeihunden am späten Abend das vornehmlich von Roma bewohnte Haus „In den Peschen 5“. Angeblich war die Polizei auf der Suche nach Beteiligten einer Auseinandersetzung, die sich bei einer BürgerInnenversammlung zwei Kilometer entfernt ereignet haben soll. Dabei traten die vor Ort eingesetzten Polizeieinheiten – offenbar wahllos – Wohnungstüren ein und sprühten mit CS-Gas um sich. Die an der Auseinandersetzung Beteiligten fanden sie dort nicht. Dafür aber ein völlig verängstigtes 13-jähriges Kind, das in Panik zu einem Holzstock griff und daraufhin von mehreren PolizistInnen überwältigt und in Handschellen abgeführt wurde. Die hochschwangere Mutter des Kindes, die in ihrer Angst vor dem Überfall auf den Balkon geflüchtet war, wurde von den anwesenden BeamtInnen beschimpft und eingeschüchtert. Bei der Frau setzten Frühwehen ein und sie erlitt einen Schock.An dieser Kundgebung nahmen knapp 80 Personen und damit für einen Freitagmittag unerwartet viele Personen teil.

Wie erreicht ihr Menschen ansonsten mit eurer Kritik?

AdressatInnen sind grundsätzlich alle Menschen in Duisburg und Umgebung, die unsere Kritik am Antiziganismus und Rassismus in Duisburg teilen. Wir erreichen sie über unseren Blog, über Facebook und bei unseren Veranstaltungen. Auch die Medien versuchen wir immer wieder zu kontaktieren. Allerdings mit wenig Erfolg. Eher sind überregionale Medien an Interviews und Informationen interessiert, die Duisburger Medien ignorieren uns weitgehend.

Mit wem arbeitet ihr vor Ort zusammen?

In Duisburg arbeiten wir vor allem mit der „Emanzipatorischen Antifa Duisburg“ zusammen. Unter anderem haben wir zusammen mit dieser einen monatlich stattfindenden „Tresen gegen Duisburger Zustände“ ins Leben gerufen, bei dem es neben Vorträgen auch die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung gibt. Des Weiteren arbeiten wir mit mehreren antifaschistischen und ideologiekritischen Gruppen aus NRW zusammen, die uns etwa bei Kundgebungen unterstützen. Kontakt zur sogenannten „Zivilgesellschaft“ gibt es jedoch kaum – von Einzelpersonen einmal abgesehen. Die wenigen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen in Duisburg, die eine Kritik an den Duisburger Verhältnissen haben, äußern diese nur sehr verhalten öffentlich und wollen vermutlich nicht mit uns in Verbindung gebracht werden.

Seid ihr mit der Resonanz auf eure Veranstaltungen zufrieden?

Ja, unsere bisherigen Veranstaltungen waren mit jeweils 60-80 Personen sehr gut besucht. In Duisburg und Umgebung scheint es also einige Menschen zu geben, die unsere Kritik teilen und unsere Fragestellungen interessant finden. Erfreulich finden wir zudem, dass wir offenbar viele kritische Menschen, nicht nur aus der linken Szene, erreicht haben.

Apropos linke Szene: Für den 9. November 2013 hatten die RechtspopulistInnen von Pro NRW zwei Versammlungen in Duisburg angemeldet, die sich gegen Flüchtlinge und die BewohnerInnen von „In den Peschen 3-5“ wandten. Einer großen antirassistischen Demonstration mit 500 TeilnehmerInnen seid ihr explizit ferngeblieben. Gab es nicht – erst Recht am Jahrestag der Reichspogromnacht – allen Grund gegen die Duisburger Zustände auf die Straße zu gehen?

PRO NRW Kundgebung am 29. August 2013 in Duisburg © BPD

PRO NRW Kundgebung am 29. August 2013 in Duisburg © BPD

Wir hatten vor allem drei Probleme mit der Veranstaltung. Ersten: wir befürchteten, dass es sich um einen „Schnellschuß“, um ein einmaliges „Event“, getragen vor allem von auswärtigen Gruppen, die nicht kontinuierlich zu Duisburg arbeiten, handeln würde. Unsere Befürchtungen wurden leider auch bestätigt, denn die meisten der organisierenden Gruppen haben nach dem „Demoevent“ nichts mehr in Duisburg gemacht, obwohl sich die Situation seitdem keineswegs verbessert hat. Zum zweiten fanden wir es falsch, dass sich zu sehr auf Pro NRW konzentriert wurde, obwohl die „bürgerliche Mitte“ unserer Ansicht nach das eigentlich Problem ist. Drittens hielten wir die Entscheidung, bei der Demonstration mit antiemanzipatorischen Gruppen zusammen zu arbeiten, für falsch. Dass sahen unserer Einschätzung nach übrigens auch andere Gruppen und Personen so. Die Veranstaltung war deutlich schlechter besucht als erwartet und blieb weit unter 500 TeilnehmerInnen.

Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet: Was war euer größter Fehler?

Wir hätten früher anfangen sollen, uns dem Thema Antiziganismus in Duisburg zu widmen. Bei unserer Gründung – im Sommer 2013 – war der antiziganistischen Stimmung in Stadtteilen wie Bergheim kaum noch etwas entgegen zu setzten. Zumindest nicht mit den bescheidenen Mitteln, die den antifaschistischen und antirassistischen Zusammenschlüssen in Duisburg und Umgebung zur Verfügung stehen. Vielleicht hätte im Herbst 2012 noch mehr erreicht werden können, etwa wenn man versucht hätte, dem entstehenden rassistischen Konsens und den dahinter stehenden Personen unmittelbar etwas entgegen zu setzen.

Perspektiven für 2014

Der Vermieter von „In den Peschen 3-5“ ließ die Mietverträge Ende Februar auslaufen. Deniz Aksen, Vorsitzender eines in Duisburg aktiven Integrationsvereins, begrüßt die Entscheidung. Es sei die „beste Lösung“. Hat er recht?

Das ist schwer zu beurteilen. Der Vermieter ist – laut Medienberichten – für seine Verbindungen zum Rocker- und Rotlichtmilieu bekannt. Hinzu kommt, dass viele NeueinwandererInnen in anderen Stadtteilen nicht so dramatisch bedroht waren wie im „Problemhaus“ in Bergheim. Trotzdem bleibt aber unklar, ob die Menschen bessere Wohnungen und seriösere VermieterInnen finden werden. Insgesamt wollen wir uns aber auch nicht anmaßen, zu beurteilen, was die „beste Lösung“ für die BewohnerInnen dieses Hauses ist. Sie können und sollen selbst entscheiden, wo sie wohnen möchten und wo nicht.

Kann es so etwas wie eine Befriedung der Situation in absehbarer Zeit überhaupt geben?

Wir sind eher pessimistisch, was eine schnelle „Befriedung“ der Situation betrifft. Allerdings kann man unserer Ansicht nach konstatieren, dass die offenen Pogromdrohungen und die – möglicherweise rassistisch motivierten – Brände in den letzten Monaten nachgelassen haben. Wir befürchten aber, dass die aggressive Stimmung unter bestimmten Umständen schnell wieder hochkochen kann. Das Thema wird der Stadt auf jeden Fall erhalten bleiben. Nicht nur weil ein weiterer Zuzug von MigrantInnen aus Südosteuropa prognostiziert wird, sondern auch weil im Rahmen des Kommunalwahlkampfes das Thema hoch auf der Agenda stehen wird.

Auch mit Blick auf die angesprochene Wahl: Wo liegen eure Arbeitsschwerpunkte für die nächsten Wochen und Monate?

Zu Gast in Trier: Die Initiative gegen Duisburger Zustände. © AStA der Universität Trier

Zu Gast in Trier: Die Initiative gegen Duisburger Zustände. © AStA der Universität Trier

Wir werden weiterhin Veranstaltungen organisieren, Vorträge über die Situation in Duisburg halten und uns mit Artikeln und Pressemitteilungen zu neuen Entwicklungen äußern. Unmittelbare Interventionen gegen rassistische Ausfälle im Wahlkampf oder gar gegen mögliche Angriffe, behalten wir uns natürlich vor.

In Trier wurde vor kurzem auch eine neue Unterkunft für 150 Asylbegehrende, in der Nähe eines sozial schwachen Wohngebietes, errichtet. Die NPD hat bereits dagegen demonstriert. Welche Tipps könnt ihr AntirassistInnen geben?

Wichtig ist unserer Ansicht nach vor allem zu klären, ob die NPD mit ihrer Hetzte Erfolg hat, also ob sie offene Türen einrennt oder ob sie ein gefährlicher aber isolierter „Player“ ist. Von dieser Frage hängt unserer Ansicht nach ab, wie man auf die Hetzte regieren muss.

Vielen Dank für das Gespräch!


Terminhinweis: Auf Einladung des Referats für Antirassismus und Antifaschismus im AStA der Universität Trier, hält die Initiative gegen Duisburger Zustände am 26. April ab 16 Uhr ihren Vortrag „Von Problemhäusern und Klaukids“ im Büro des Multikulturellem Zentrums Trier.

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