Moderne Barbarendiskurse und das externalisierte europäische Grenzregime

von Fabian Jellonnek

Ein kritischer Blick in die Geschichtsbücher erhärtet einen Verdacht: Die Art und Weise, wie wir über die Anderen sprechen und die europäische Abschottungspolitik hängen eng zusammen. Fabian Jellonnek über Alltagsrassismus, europäische Selbstfindungsprozesse und Abgrenzung.

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder politische Räume, die sich rasend schnell erweiterten, unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen vereinigten und in ihrer Region oder gleich der ganzen Welt eine außerordentliche Machtposition einnahmen. Nicht nur deshalb taufte man die meisten dieser Räume in Anlehnung an das Römische Reich auf den Begriff Imperien. Gemein war diesen Räumen, die hochnäsige Art, mit der sie auf ihre Nachbarn oder allgemein auf die Anderen herabblickten. Sie nannten sie Barbaren. Die Barbaren, schreibt der französische Wissenschaftler Tzvetan Todorov, existierten immer nur im Widerspruch zum als zivilisiert markierten Selbstbild: Das Wort Barbar „trat in Gegensatz zu einem anderen Wort, und zusammen dienten sie dazu, die Völker der Welt in zwei ungleiche Teile einzuteilen: die Griechen, also ‘wir’, und die Barbaren, das heißt ‘die Anderen’, die Fremden“.  Die Barbaren, darüber belustigte sich einst schon Platon, umfassten dabei eigentlich ganz unterschiedliche Leute, die selbst nicht viel miteinander gemein hatten – und doch in einen Topf geworfen wurden. Seine Griechen hatten die Barbaren zuerst erfunden. In ihrem reichen Mythenschatz stellten sich die glorreichen Heroen gegen die Grausamkeit der Barbaren. Auf den Athener Straßen und Plätzen benutzte man die Antihelden als Namensgeber für alles Fremde, Andere und ausländische. Über die Fremden rümpften die Demokraten ihre Nasen. So ungebildet, so ungesittet und so brutal schienen die Barbaren. Selbst die Schwächsten der Schwachen sah man den skrupellosen Barbaren ausgeliefert. „Barbaren sind diejenigen, die gegen die elementarsten Gesetze des menschlichen Zusammenlebens verstoßen, da sie nicht das richtige Verhältnis zu ihren Verwandten finden: Muttermord, Vatermord, Kindesmord einerseits und Inzest andererseits sind sichere Zeichen für Barbarei“, stellt Todorov fest. So friedliebend, gebildet und gesittet sahen sich dagegen die Griechen selbst.

Die Römer eiferten den Griechen nach und erstellten ganze Barbarenkataloge. Die Römer erkannten die Barbaren nicht nur, sie fürchteten sie auch und sie machten Politik mit ihnen. Griff ein barbarisches Volk das hoch gerüstete Imperium an, war es für die Herrschenden ein Leichtes, der Bevölkerung einzutrichtern, eine gigantische barbarische Invasion stünde vor den Toren Roms. Der Historiker Heinz Bellen beleuchtete den Metus Gallicus, also die Furcht vor den Galliern und den Metus Punicus, also die Angst erzeugt von den punischen Kriegen und erkannte, dass die eine Angst dieselben Muster wie die andere aufweist. Der Metus Punicus ging aus dem Metus Gallicus  hervor. Angstkommunikation widersteht laut Niklas Luhmann jeder Kritik der reinen Vernunft und Heinz Bellen weiß, dass die römischen Furchterlebnisse “den Gang der römischen Geschichte nachhaltig beeinflussten” und zu den ersten Präventivkriegen der Geschichte führten. Mit der Angst vor den Barbaren konnte man Politik machen. Luhmanns Ausführungen über Angstkommunikation erklären warum: „Wenn Angst kommuniziert wird und im Kommunikationsprozess nicht bestritten werden kann, gewinnt sie eine moralische Existenz. Sie macht es zur Pflicht, sich Sorgen zu machen, und zum Recht, Anteilnahme an Befürchtungen zu erwarten und Maßnahmen zur Abwendung der Gefahren zu fordern“. Alle Gegenmaßnahmen, das ist das Perfide an ihrer “paradoxen Konstitution”, verstärken dabei nur die Angst: “Wenn man der Angst abzuhelfen versucht, nimmt sie zu“. Der Soziologe Zygmunt Baumann beschreibt diese Verselbstständigung sehr schön in einem Aufsatz über Gated Communities in Amerika. Da wird mit Alarmanlagen, Zäunen und Sicherheitspersonal versucht, Eindringlinge abzuwehren. Unlängst hat in der Gated Community von Sanford das Sicherheitspersonal so einen Eindringling über den Haufen geschossen. Der Junge war 17, dunkelhäutig, und wollte Bonbons kaufen.

Aber zurück zu den Römern und ihrer Instrumentalisierung des Barbarendiskurses. Jenseits der Legitimierung von Angriffskriegen konnte man die Angst vor den Barbaren auch ganz anders einsetzen. Die Gräuelerzählungen über die Barbaren waren auch eine Warnung an alle, die das bestehende System, den Status Quo, in Frage stellten. Wenn die Ordnung wegbricht, wer soll euch dann vor den Barbaren schützen? So in etwa muss man sich den Barbarendiskurs als disziplinarische Maßnahme vorstellen.  Die dichotome Anatomie des Barbarendiskurses, also die eigene Aufwertung am Antibild des Anderen sorgte obendrein dafür, dass auch die Verlierer und Abgehängten im Römischen Reich sich immer ein klein bisschen besser fühlen konnten als die Anderen. A.N. Sherwin-White las die Schriften Strabos, um mehr zu erfahren über rassistische Vorurteile im imperialen Rom. Strabo erzählte den Römern, dass die Anderen beim Essen auf dem Boden sitzen und auf Strohmatratzen schlafen. Überhaupt; ihre Siedlungen, ihre Bauweise – alles anders, alles schlechter als in Rom.

Dementsprechend gut war es, wenn sich die imperiale Ordnung ausdehnte. Imperien verstanden sich häufig als Zivilmacht und Europas Kolonialmächte machten es sich zum Auftrag, ‘den Wilden’ Benehmen und Anstand beizubringen. Der Preis der Ausbeutung schien dabei nur berechtigt – “The White Man’s Burden” dichtete damals Rudyard Kipling. Überhaupt orientierte sich in der Hochzeit der europäischen Kolonialmächte alles und jeder am römischen Reich. Konjunktur erlebten zu dieser Zeit Kartographen, die barbarische Invasionen auf das Vorbild darstellten. Mit dicken Pfeilen zeigten sie auf einen Blick Migrationsbewegungen, die eigentlich über Jahrhunderte verteilt vonstatten gingen. Betrachtet man diese Karten, entsteht der Eindruck eines permanent und von allen Seiten unter Druck gesetzten Raums.

Die Römer wiederum boten ihr Zivilisierungsprogramm gezielt der unmittelbaren Nachbarschaft an. Trotz ihrer Rohheit und dem “antibarbarischen Schutzwall” namens Limes (so getauft bezeichnenderweise von Hitlers Historikern) durfte die barbarische Nachbarschaft mitmachen, bekam sogar volle Staatsbürgerrechte. Der Preis: Die Entbarbarisierten mussten Roms Grenzen sichern. Von den Gaulen, den einstigen barbarischen Feinden, erwarteten beispielsweise die Römer nach deren Eingliederung „to act as northern buffers to the colony and generally support Roman interests“, wie Thomas S. Burns zu berichten weiß. Selbst die sonst fast sprichwörtlich auf Abkapselung bedachten chinesischen Imperien nutzten, alle Mauern über Bord werfend, ähnliche Strategien. Zwar boten sie ihren exterritorialen Grenzpatrouillen keine Staatsbürgerrechte, aber immerhin Handelserleichterungen und eine Art Vorläufer des Visasystems. China nannte sie liebevoll die “gekochten” im Gegensatz zu den “rohen” Barbaren.

Die amerikanischen Historiker Jane Burband und Frederick Cooper legten 2010 einen Band vor mit Potential zum Klassiker, “Empires in World History. Power and the Politics of Difference”, so der Titel. In ihrem Überblick stellen sie fest: „Imperien existierten stets in Beziehung – und häufig im Spannungsverhältnis – zu anderen Formen räumlicher Vernetzung; Imperien ermöglichten oder verhinderten die Bewegungsfreiheit von Waren, Kapital, Menschen und Ideen“. Jenseits aller Imperialismusvorwürfe empfehlen sie einen genauen Blick auf das “Repertoire der Macht, unter dem Aspekt, welche Mittel imperialer Strategien jeweils eingesetzt wurden.”

Kaum zu bestreiten ist, dass auch die europäische Union ein Raum ist, der sich im Zuge seiner Erweiterungsrunden rasend schnell vergrößerte und inzwischen unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen vereint. Schwierig ist da die Bestimmung einer gemeinsamen Identität. Einfacher wird sie, wenn man sagen kann, wer nicht dazugehört. Europas rechtspopulistische Parteien haben dafür in den letzten Jahrzehnten Vorarbeit geleistet. Der Islam sei unvereinbar mit der Demokratie sagen sie, rückständig soll er sein. Laut einer Studie des Allensbach-Instituts von 2006 glauben das 62 Prozent der Deutschen. Im neuesten Band der Heitmeyer-Studie namens “Deutsche Zustände” wird festgestellt, dass vor allem jene Menschen gruppenbezogene Vorurteile gegen Muslime in sich tragen, die sich eine kulturell homogene Kultur wünschen. Gleichfalls neigen Menschen zum anti-muslimischen Rassismus, wenn sie glauben, ihre eigene Lebensweise sei der anderer überlegen. Weil keiner sagen kann, wie eine deutsche oder europäische Leitkultur denn genau aussehen soll, läuft die Suche nach der europäischen Identität nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners: Wir wissen, was wir nicht sind.

Die Abgrenzung wird nicht nur sprachlich und in Debatten vollzogen. Von unseren modernen Anderen fühlen wir uns bedrängt wie einst die Römer von ihren Barbaren. Terrorismus einerseits und Überfremdungsängste andererseits sind die Bedrohungsszenarien des vereinigten Europas. Mit Flut- und Invasionsmetaphern spricht die Öffentlichkeit über Flüchtlinge und die europäische Grenzschutzagentur FRONTEX malt in ihren “Risikoanalysen” dicke Pfeile, die von allen Seiten auf Europa einfallen. Als während des Arabischen Frühlings kurzzeitig das Bild vom demokratiefeindlichen Islam bröckelte und in den Talkrunden am Sonntagabend über die Aufnahme von Flüchtlingen debattiert wurde, warnte die europäische Polizeibehörde EUROPOL: Achtung, wenn ihr die jetzt reinlasst, dann holt ihr euch möglicherweise Terroristen ins Land. Kein Wunder also, dass unsere Politiker tödliche Zäune um Europa bauen. Abschottung und Überwachung ist die Reaktion auf die neue barbarische Bedrohung.

Für die Nachbarn unmittelbar hinter den Zäunen und Mauern hält Europa ein Entbarbarisierungsprogramm bereit, genannt Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP). Einen “Ring befreundeter Staaten”, einen “Raum von Sicherheit, Stabilität und Recht”  zu schaffen, war das postulierte Ziel in den Gründungsdokumenten der ENP. Ausgereift, detailliert und vertieft wurden vor allem Maßnahmen zur Steuerung, Entschleunigung und Verhinderung von Migrationsbewegungen in den Transitstaaten. Im Gegenzug wurde die Errichtung von Internierungslagern in Gaddafis Libyen oder der Ukraine mit Visa-Erleichterung entlohnt. Wilhelm Knelangen warnte bereits 2007 vor den Ambivalenzen der ENP: „Der bislang vorherrschende Ansatz, die Probleme der EU in den Bereichen Sicherheit und Einwanderung zu externalisieren und den Faktor der Sicherheit gegenüber der Freiheit zu privilegieren, ist einstweilen mit der Gefahr verbunden, problematische Strukturen in den Nachbarstaaten eher zu fördern als aufzubrechen“. Ein Blick in die Geschichtsbücher offenbart: Das externalisierte Europäische Grenzregime ist keine Erfindung der Moderne, sondern ein Rückgriff auf das imperiale Repertoire der Macht – eine jahrtausende alte Herrschaftstechnik. Legitimiert werden  die Zäune in Melilla, die Lager in Libyen und die Grenzschutzagentur FRONTEX mit der Erfindung von Europas Barbaren.

Eine ausführliche und vertiefende Argumentation dieser These stellen wir Ihnen auf Anfrage gerne zur Verfügung. Anfordern unter: zeitschrift@multicultural-center.de

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One Response to Moderne Barbarendiskurse und das externalisierte europäische Grenzregime

  1. hoernigk says:

    fine!

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