Die Angeleiteten

Wenn die Parteiflagge verkehrt herum gehalten wird und der Redner zur falschen Menge spricht: Die Trierer NPD klagt sich durch zwei Instanzen, um ausgerechnet am 9. November ihr krudes Geschichtsbild zu demonstrieren, und blamiert sich dabei bis auf die Knochen.

von Fabian Jellonnek

Trier. Nach zehn Minuten bemerkt Safet Babic, NPD-Kreisvorsitzender in Trier, den Fauxpas: Da hatte er sich Mühe gegeben und das Dutzend Kameraden aufgestellt und dann wird ausgerechnet die Parteifahne falsch herum gehalten. Nichts scheint an diesem 9. November, ohne seine Anleitung zu funktionieren. Er dirigiert jeden einzelnen Kundgebungsteilnehmer an seinen Platz vor der Trierer Commerzbank-Filliale, als gelte es einen Knabenchor zu formieren. Gesungen wird später tatsächlich noch; ein Ständchen auf die deutsche Eiche. Den Text hat man vorsichtshalber ausgedruckt und verteilt, allerdings scheint keine Einigkeit darüber zu bestehen, auf welche Melodie man trällert. Das Liedchen soll Eindruck machen und wirkt doch, als hätten einige Eltern vor ein paar Jahrzehnten vergessen, ihre Buben vom Martinsumzug abzuholen.

Wegen des befürchteten Eindrucks einer rechtsradikalen Kundgebung am Jahrestag der Pogromnacht hatte die Stadt Trier versucht, die NPD-Veranstaltung erst am Folgetag zu genehmigen. Das Trierer Verwaltungsgericht gab der Stadt Recht: „von der geplanten Veranstaltung gingen Provokationen aus, die das sittliche Empfinden der Bürgerinnen und Bürger der Stadt erheblich beeinträchtigten“, argumentierten die Richter. Die übergeordnete Instanz, das Koblenzer Oberverwaltungsgericht, hob die Entscheidung mit Verweis auf die NPD-Argumentation auf. Die Rechtsradikalen reklamierten, eine Demonstration unter dem Titel “Wir sind das Volk- Gegen die Herrschaft des Kapitals” mache nur am Tag des Mauerfalls Sinn. Der tiefere Sinn, weshalb bei einer Mauerfall-Gedenkveranstaltung ausgerechnet Reichsflaggen und Fackeln mitgeführt werden müssen, erschloss sich selbst dem OVG nicht. Zumindest dies wurde per Auflage verhindert.
Vom DDR-Thema verabschiedete sich die Kundgebung rasch. Auf das Grußwort des Parteivorsitzenden, abgelesen von einem Smartphone “made in Ausland” mit dem gefühlten Umfang einer SMS, wurde etwas Kapitalismuskritisches angekündigt. Auf die Ankündigung folgt der skurrile Auftritt eines Mannes, der wieder der Anleitung bedarf. Der Redner, der Anfang November Sandalen und weiße Tennissocken trägt, spricht zunächst zur Gegenkundgebung. Kein Wunder, schließlich übertrifft die Gegenseite das NPD-Aufkommen vier- bis fünffach. Babic klärt den Herrn auf, der seinen inneren Kompass allerdings während seiner Rede noch öfter verlieren sollte. Der Redner gestikuliert wild und spricht doch so leise, dass selbst die eigene Meute ihn kaum verstehen kann. Spätestens als man brockenweise Zitate aus Moses Büchern zu Ohren bekommt, ist klar, auch er verfehlt heute sein Thema.

Der Anleiter himself ist es schließlich, der thematisiert, was man doch eigentlich gar nicht ansprechen will. Als Babic zynische Anspielungen auf die Pogromnacht macht, ist er ganz dicht dran an der Volksverhetzung. Selbst der anwesenden Polizei wird es an diesem Punkt zu viel. Nach einem kurzen Plausch mit einem Beamten verzichtet Babic auf weitere Verweise auf die Zeiten des NS-Terrors. Aber es gibt noch mehr Historie zum verdrehen und verklären. Frei nach dem Fanta-Motto: Geschichte ist was du draus machst, erklärt der selbsternannte bosnische Befreiungsnationalist, dass es die Rechtsradikalen gewesen seien, die Anfang der 90er Jahre Maßnahmen zum Schutz der Menschen im ehemaligen Jugoslawien vorgeschlagen hätten. Zur Erinnerung: Anfang der 90er Jahre brannten in Deutschland Asylbewerberheime. Angezündet von Rechtsradikalen. In ihnen lebten auch Flüchtlinge des jugoslawischen Bürgerkriegs. Spätestens da wurde die Szenerie derart skurril, dass sie einfach nur noch eins war: Schrecklich peinlich.

Kein Wunder, dass Babic’ Stellvertreter Detlef Walter sich durch die Presseanwesenheit derart provoziert fühlte, dass er mich als “Schmarotzer” beleidigte. Eine solche Vorstellung gibt man lieber ohne Öffentlichkeit ab.

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