Trierer Fußballszene – Homophobie, rechte Tendenzen und zweifelhafte Lippenbekenntnisse

Eine gemeinsame Erklärung von Aktionsbündnis gegen Homophobie Trier e.V., Antirassistische Gruppe Mainz, Arbeitsgemeinschaft Frieden Trier e.V., ASF-Arbeitsgemeinschaft sozial-demokratischer Frauen, AStA Universität Trier, Autonome Antifa Trier, Bündnis gegen Rechts Trier, Bündnis 90 / Die Grünen Trier, DGB Regionsjugend-ausschuss Trier, DKP Trier, Etoile Noire, Katrin Werner (MdB DIE LINKE), Kreisverband DIE LINKE Trier-Saarburg, Multikulturelles Zentrum Trier e.V., Piratenpartei Kreisverband Trier/Trier-Saarburg, SCHMIT-Z schwul-lesbisches Zentrum Trier e.V., SDAJ Trier, ….in den Lauf. Fußball, Fans, Kultur. Eine Gruppe der Aktion 3.Welt Saar.

Wir, die Unterzeichnenden, wenden uns mit Nachdruck gegen Homophobie und rechte Tendenzen im Umfeld des Trierer Fußballs.

Im letzten halben Jahr häuften sich jedoch entsprechende bedenkliche Vorfälle in der Fanszene des SV Eintracht Trier 05. Betont offensiv zur Schau gestellte sexistische, homophobe und intolerante Einstellungen, insbesondere aus dem Umfeld der Ultra-Bewegung, geben dabei besonderen Anlass zur Sorge. Drei Vorfälle sollen hier kurz exemplarisch dargestellt werden, um die Problematik besser verdeutlichen zu können.

So entfalteten Fans am 30. April 2011 auf einem Auswärtsspiel gegen den FC 08 Homburg ein Transparent, auf dem aus den Buchstaben HOM (in Anspielung auf Homburg) das Wort „HOMO-FOTZEN” gebildet worden war (siehe Bild ). Nachdem die örtlichen Medien den Vorfall aufgegriffen hatten, versuchte Thomas Metzger, der Fanbeauftragte der Eintracht Trier, durch eine Erklärung Schaden vom Verein abzuwenden, in der er sich und die Eintracht „in aller Deutlichkeit von Meinungen diskriminierender Art“ distanzierte. Er beschwichtigte sogleich: „Rund um das Thema Diskriminierung/Sexismus/Homophobie gab es in der Vergangenheit keine nachhaltigen Probleme beim SV Eintracht Trier 05.“ Rückendeckung von reichlich fragwürdiger Seite bekamen die Macher des beleidigenden Transparents dennoch. So äußerte Safet Babic, seinerzeit Stadtratsmitglied für die NPD, Verständnis für die Trierer Fans: „Von der zunehmenden Homosexualisierung der Gesellschaft fühlen sich [...] Deutsche belästigt, wie entsprechende Transparente bei Fans von Eintracht Trier [...] verdeutlichen.“

Eine weitere homophobe Botschaft, mit der die gegnerische Seite gedemütigt werden sollte, wurde kurz darauf am 25. Mai 2011 auf dem Rheinlandpokalfinale gegen den TUS Koblenz von Anhänger_innen der „Insane-Ultras“ präsentiert. So wurde das von den Koblenzern gern genutzte Wort „Latscho“ kurzerhand in „Lutscher“ umgewandelt; ein Begriff, der auch verachtungsvoll gegenüber Homosexuellen eingesetzt wird. Trotz der Äußerung von Ernst Wilhelmi, Vorstandssprecher der Eintracht Trier, dass der weiter oben genannte Vorfall „den Verein nicht nur viel Ansehen, sondern auch eine [...] saftige Geldstrafe von 1.500 Euro gekostet“ hat, und der DFB eine weit höhere Strafe angedroht habe, sollte sich ein solcher Vorfall wiederholen, scheint erstaunlicherweise niemandem der anwesenden Verantwortlichen der Inhalt des Transparents aufgefallen zu sein, woraus im besten Sinne nur auf eine mangelnde Sensibilität gegenüber dieser Problematik zu schließen ist. Auch der wiederholte Gebrauch homophober Ausdrücke von Seiten der Fans deutet eher darauf hin, dass nicht von einem einmaligen unbedachten Ausrutscher gesprochen werden kann.

Der dritte Zwischenfall ereignete sich am 30. Juli 2011, als beim DFB-Pokal-Spiel gegen den FC St. Pauli im Block der Trierer Fans ein Spruchband mit der Aufschrift: „Kein Bock auf Alerta Gangbang“ entfaltet wurde. Dieses bezog sich darauf, dass der FC St. Pauli Mitglied des Alerta-Netzwerks ist; einem antirassistischen Projekt, welches sich aus Fangruppen verschiedener Vereine zusammensetzt. Dieser Vorfall ist vor allem deshalb erschreckend, da hier Front gegen ein Projekt gemacht wurde, das weitverbreitete Missstände in deutschen Stadien hinsichtlich Diskriminierung bearbeiten möchte. Eine offenkundige Ablehnung dieser Ziele durch Anhänger_innen der Trierer Eintracht sollte die Vereinsführung nicht kalt lassen.

Trotz der diskriminierenden und ehrverletzenden Äußerungen und der deutlichen Absage an antirassistische Bemühungen, schreiben die „Insane-Ultras“ in ihrer Fanzeitung Nr. 36, dass sie „politisches Gesindel“ aus „beiden extremistischen Lagern“ ablehnen würden. Die dadurch implizit getätigte Aussage, man sei unpolitisch und keinem der politischen Lager zuzuordnen, ist dabei kein Phänomen, das sich allein in der Trierer Fanszene wiederfindet. Dabei wird verkannt, dass Fußball nicht unpolitisch sein kann, wenn gleichzeitig Meinungen öffentlich kommuniziert und Spruchbänder präsentiert werden. Diese Sicht birgt vielmehr die Gefahr, dass rechtsextreme Phänomene im Fußball heruntergespielt oder ignoriert werden und dient oftmals nur als Schutzbehauptung, um sich den Problemen nicht stellen zu müssen. Eine ernstgemeinte und engagierte Auseinandersetzung bzw. Abgrenzung ist bislang nicht erkennbar und dürfte auch erhebliches Konfliktpotential bergen, da hier gegen Mitglieder der eigenen Szene Stellung bezogen werden müsste.

Für uns als Unterzeichnende dieser Erklärung steht in Anbetracht des in den letzten Monaten gezeigten Verhaltens einiger Fangruppierungen (insbesondere der Ultraszene) der Eintracht Trier völlig außer Frage, dass dieses untragbar und nicht akzeptabel ist. Die angesprochenen Vorfälle zeugen von einer erheblichen Motivation zumindest einiger Mitglieder dieser Gruppen, Diskriminierung in die Stadien zu tragen und dafür freimütig homophobe und tendenziell rechte Slogans zu benutzen. Die überwältigende Mehrheit schweigt, billigt oder macht sogar mit. Transparente dieser Größe entstehen schließlich nicht spontan und werden auch nicht von Einzelpersonen angefertigt bzw. präsentiert. Diesen erschreckenden Vorfällen müssen nun Taten folgen. Verständnisvolle Lippenbekenntnisse helfen an dieser Stelle nicht mehr weiter und sind kein verantwortungsvoller Umgang mit den angesprochenen Problemen. Vor diesem Hintergrund sind Diskussionen in der Lokalpresse, die auf Druck von Seiten der Fans schließen lassen, Stadionverbote aufzuheben, nicht nachvollziehbar – müsste doch wesentlich konsequenter dieses Mittel bei sexistischen, homophoben oder rassistischen Verstößen eingesetzt werden, auch wenn dazu die Stadionordnung möglicherweise angepasst und das Sicherheitspersonal besser ausgebildet werden müsste.

Das Stadion ist kein verantwortungsfreier Raum. Deshalb fordern wir die Verantwortlichen des Vereins und den Verein als Ganzes, das Fanprojekt und auch die Fanszene dazu auf, klar Stellung gegen Diskriminierung zu beziehen und allen Formen von Hass und Ausgrenzung ohne Wenn und Aber die rote Karte zu zeigen. Insbesondere gegenüber Transparenten, die Menschen offen diskriminieren, Homophobie befördern und Kampagnen gegen Rassismus verunglimpfen ist Untätigkeit ein fatales Signal. Jedoch dürfen sich die Bemühungen der Akteure nicht darauf beschränken. Mit präventiven Aktionen und Programmen muss ein Klima der Toleranz und des gegenseitigen Respekts geschaffen werden. Gerade dadurch, dass sich auch viele Jugendliche für diesen Sport begeistern, die jedoch auch noch leicht beeinflusst werden können (nicht umsonst hat z.B. die NPD den Fußball als ein Betätigungsfeld entdeckt), tragen die Vereine eine große gesellschaftliche Verantwortung, die sie nicht negieren können.

Aus diesem Grund begrüßen wir auch erste konstruktive Vorschläge des Trierer Fanprojekts, wie dieser Problematik begegnet werden könnte, und fordern auch die Eintracht Trier dazu auf, diese Ideen tatkräftig und strukturell zu unterstützen. Denn wie positive Beispiele z.B. aus Mainz zeigen, können Fortschritte nur durch gemeinsame Kraftanstrengungen erreicht werden.

Darüber hinausgehend rufen wir allgemein Politik, Fans, Medien und Gesellschaft dazu auf, sich kritisch mit rechten Tendenzen, Sexismus und Homophobie in der Trierer Fußballszene auseinanderzusetzen und sich selbst aktiv für Fair Play auch in dieser Hinsicht einzusetzen.

Aktionsbündnis gegen Homophobie Trier e.V.

Antirassistische Gruppe Mainz

Arbeitsgemeinschaft Frieden Trier e.V.

ASF-Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen

AStA Universität Trier

Autonome Antifa Trier

Bündnis gegen Rechts Trier

Bündnis 90 / Die Grünen Trier

DGB Regionsjugendausschuss Trier

DKP Trier

Katrin Werner, MdB DIE LINKE 
Kreisverband DIE LINKE Trier-Saarburg 

Multikulturelles Zentrum Trier e.V.

Piratenpartei Kreisverband Trier/Trier-Saarburg
SCHMIT-Z, schwul-lesbisches Zentrum Trier e.V.
....in den Lauf. Fußball, Fans, Kultur. Eine Gruppe der Aktion 3.Welt
Saar
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